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Arbeitsbedingungen in der Tiermedizin – wirklich so schlimm wie ihr Ruf?

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Vor einigen Tagen erreichte mich über unser Kontaktformular eine Frage eines Tiermedizinstudierenden: Sind die Arbeitsbedingungen in der Tiermedizin wirklich so schlimm wie ihr Ruf? Nach Rücksprache darf ich die Anfrage hier für Euch posten, denn ich denke, Ihr könnt das am besten beantworten:

„Ich bin 20 Jahre alt und studiere Tiermedizin im 2. Semester. Das Studium selbst gefällt mir gut, zudem habe ich in einigen Praktika festgestellt, dass mir vor allem die Tätigkeit in einer Kleintierpraxis/klinik liegt.

Allerdings habe ich immer wieder von düsteren Zukunftsprognosen gerade für Kleintierpraktiker gehört, nämlich dass es dort so gut wie keine freien Stellen gibt, dass man sich oft Jahre lang und z.T. im Ausland zum Resident weiterbilden muss, um an eine der begehrten Stellen zu kommen und dann trotz hoher Arbeitsbelastung unterdurchschnittlich bezahlt wird.

Ich kenne zudem mehrere Tierärzte, die mir von diesem Studium abgeraten haben und auch Verwandte und Bekannte, die nichts mit diesem Beruf zu tun haben, sprechen mich auf diese Problematik an, seit durch die Presse ging, dass Doktoranden an der Kleintierklinik der LMU für einen Hungerlohn regelmäßig Nacht-und Wochenddienste ableisten mussten.

Dass man als Tierarzt nicht unbedingt Millionär wird und die Arbeitsbedingungen z.T. hart sind ist mir klar, aber sind sie wirklich so hart, wie die Gerüchte auf dem Campus es vorgeben?

Wieviel sollte man als Kleintierpraktiker verdienen und wieviel verdient man tatsächlich?

Gibt es in der Kleintiermedizin derzeit wirklich kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz? Gibt es Statistiken zu diesem Thema?“

Bitte kommentiert doch diesen Beitrag, damit wir ein Meinungsbild zusammentragen können.

Danke dafür 🙂

 

Autor: Dr. Christina Lauer

Social-Media-Managerin | Bloggerin | Webdesignerin & Tierärztin | Gründerin von Praxismarketing Lauer

4 Kommentare

  1. Hallo!
    Also, die Stichdaten meiner Arbeit:
    – reine Kleintierpraxis (solides Niveau, also digitales Rö, gutsortierte Terminsprechstunde, Weichteil-OPs mit Inhalationsnarkose, keine Knochen)
    – 20 h / Woche
    – pendeln, also 35 h/ Woche für den Job nicht zu Hause
    – netto 835,-€ (Tarifempfehlung Anfangsassistenz)
    – keine Nacht- oder Wochenenddienste
    – Fortbildungen werden nicht bezahlt.
    – 2 Kinder, die von 08 – 16:00 fremdbetreut sind.
    – mein Mann arbeitet auch Teilzeit, sonst ginge das gar nicht
    – ich habe noch einen 450,- € Job.
    – Meine Arbeit macht Spaß.
    – wenn wir in den Urlaub fahren, dann nur mit finanzieller Unterstützung.
    – Wir haben ein gutes Leben, also brauchen beim Essen nicht zu sparen und können so viel heizen wie wir das möchten. Gelegentliche Schwimmbad- und Kinobesuche sind auch drin. Ständig neue Klamotten oder sowas nicht.
    – Die rund 30.000€, die so ein Studium kostet, werde ich wohl nie wieder rein kriegen. Hätte ich weiter als TAH gearbeitet, würde ich inzwischen fast soviel verdienen, hätte deutlich bessere Urlaubsbedingungen und würde ggf. auch Krankschreibungen für Kinder bezahlt kriegen. So tue ich das leider nicht.
    – Und Kinder sind viel krank- geschätzer Mittelwert pro Kind liegt bei mind. 10 Werktagen im Jahr.
    – Die begehrten Stellen sind noch schlechter von den Arbeitsbedingungen her, zumindest bis man „was“ vorweisen kann.
    – Wenn man eine Zeit lang arbeitet und sehr viel Herzblut in die Patienten steckt, dann feststellt, dass 3/4 dessen, was man täglich tut, ungehört und -gesehen verhallt, frustriert das. Wäre häufig schön zu denken, dass man die viele Mühe und die Nerven wenigstens ordentlich entlohnt kriegt.
    – in meinem Semester gabs nach der Approbation sehr sehr viel Ernüchterung und Umorientierungen.
    – ach so: ich HABE eine ganz tolle Chefin und eine sehr nette Kollegin und bin mit dem Niveau sehr zufrieden (d.h. ich gehe nicht abends nach Hause und frage mich, wieso noch kein Tierbesitzer eine Anzeige erstattet hat, weil der Chef keine Ahnung hat- hatte ich auch schon).

    Viel Erfolg trotzdem!

  2. Meine Bedingungen waren:
    Kleintierklinik mit einem sehr hohen Aufkommen vor allem nachts.
    70 h/Woche bei rund 900 Euro netto (bei noch keinen selbstständig ausgeführten Nachtdienst!).
    Redet man sich zunächst als Anfänger schön. Man wäre als Intern zum Lernen da. Wenn dann aber die praktische Ausbildung fehlt und man sofort ins kalte Wasser geschmissen wird, dann merkt man in der Probezeit dass man das Weite suchen sollte.
    Aus dem Traumberuf wurde ein Albtraum

  3. Hallo,

    ich bin gerade dabei einen neuen Arbeitsvertrag als Assisitenztierarzt zu Konditionen zu unterschreiben die ich noch vor kurzem rundweg abgelehnt hätte:
    – nach einem halben Jahr (spezifischer) Berufserfahrung 2200€ brutto und vom Gefühl her kann ich mich da noch glücklich schätzen!

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach tatsächlich die zu große Anzahl von Absolvent/innen die es nach dem Abschluss bedingt durch ein gutes finanzielles Polster im Rücken gar nicht nötig hat um ein angemessenes Gehalt zu kämpfen
    – was es den Klinikbesitzern wiederum ermöglicht die Umsatzrendite auf dem Rücken des in direkter Konkurrenz zueinander stehenden Personals zu steigern bzw. teure Neuanschaffungen (CT anyone?) aus den Rücklagen zu finanzieren.
    When the going gets weird… the weird (should) turn pro!

    Ach ja, ein sehr guter Einstieg ins Thema:

    http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/friedrichb_ws07.pdf

  4. Interessant hierzu auch der Artikel im frischen Tierärzteblatt, der die Ergebnisse von Dr. Johanna Kersebohm aus Berlin dokumentiert.
    „Fast 50% aller angestellten Praktiker arbeitet mehr, als gesetzlich erlaubt ist“…

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