Tiermedizin ist weiblich

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Teilzeitmodelle in der Tierarztpraxis: So lassen sich Familie und Beruf vereinbaren

| 4 Kommentare

„Man muss sich auch entbehrlich machen wollen.“ So lautet der Rat von Tierärztin Dr. Maike Höch aus Frankfurt. Sie hat es gewagt, in ihrer Praxis neue Wege zu gehen: Alle Tierärztinnen arbeiten in Teilzeit. Wie es dazu kam, und wie ihre Erfahrungen sind, hat sie mir in einem Interview für „Tiermedizin ist weiblich“ erzählt.

Als Tierärztin Dr. Maike Höch aus Frankfurt sich 2001 selbstständig machte, war ihr schnell klar: Allein wollte sie nicht arbeiten. Zu wichtig waren Ihr der fachliche Austausch und das Miteinander. Doch auch wenn die Praxis von Anfang an gut lief, war ihr bewusst, dass Sie nicht gleich festes Personal einstellen konnte. Da hatte sie eine Idee.

In den Kliniken arbeiten sehr gute Leute – bis sie Kinder kriegen

Die Idee war so einfach wie genial: In den Kliniken arbeiten hoch motivierte, bestens ausgebildete Frauen. Aber sobald Kinder ins Spiel kommen, ist schnell klar: Das Tempo und die Anforderungen einer Tierklinik sind nicht (oder nur in den seltensten Fällen) mit Kleinkindern zu vereinbaren. Deshalb kontaktierte Sie damals eine bekannte Tierärztin – in Absprache mit dem damaligen Klinik-Chef – und fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, zunächst stundenweise in ihrer Praxis zu arbeiten. Die Idee ging auf: Die Kollegin freute sich, auch nach der Geburt ihres Kindes weiter als Tierärztin arbeiten und gleichzeitig ausreichend Zeit mit ihrem Kind verbringen zu können. Das alles war vor über 10 Jahren. Und noch heute arbeitet sie in Teilzeit in der Praxis.

Und da sich die Praxis – wohl auch wegen der guten Tiermedizin, die sie wegen der hoch qualifizierten Tierärztinnen anbieten konnte – gut weiterentwickelte, stieg nach kurzer Zeit eine zweite Kollegin – zunächst auf 400 Euro-Basis– ein.

„Man muss sich entbehrlich machen wollen.“

Das war damals. Heute arbeiten in der Praxis insgesamt 4 Tierärztinnen und 4 Helferinnen – alle in Teilzeit. Und alle schon seit vielen Jahren. Die Mitarbeiterfluktuation ist gering bzw. nicht vorhanden. Aus gutem Grund, denn sie alle haben einen Weg gefunden, Familie und Tierarztberuf miteinander zu vereinbaren. „Man muss sich auch entbehrlich machen können.“ Das ist der Rat, den Frau Dr. Höch allen gibt, die ein solches Modell in ihrer Praxis einführen möchten. Wochenenddienste gibt es nicht und abends nach Ende der Sprechstunde, wird der AB mit dem Verweis auf die örtlichen Tierkliniken angeschaltet. „Das geht auch nur, weil die Zusammenarbeit mit den Kliniken gut funktioniert. Sie überweisen die Fälle immer zurück. Natürlich geht dadurch ab und an ein Kunde verloren, aber dieses Risiko nehmen wir zugunsten unseres Arbeitszeitmodells in Kauf.“

Und in den Ferien? Da arbeiten 2 Tierärztinnen die erste Hälfte und die anderen 2 die andere Hälfte der Ferien – je nachdem, wie Omas unterstützen und Kitas/Kindergärten geöffnet sind. Und bei 12–14 Stunden in der Woche Arbeit, lässt sich alles recht gut organisieren.

Was sagen die Kunden?

Und die Kunden? Sind die nicht unzufrieden, wenn sie nicht immer die gleiche Tierärztin in der Praxis antreffen? „Wir versuchen die Termine so zu legen, dass die Kunden immer bei der gleichen Tierärztin sind.“, so Frau Dr. Höch. „Andererseits haben alle Kolleginnen unterschiedliche Fachgebiete, auf die sich spezialisiert haben. So werden die Kunden auch untereinander überwiesen. Außerdem ist es nicht selbstverständlich, dass Kunden über 10 Jahre immer die gleiche Ansprechpartnerin haben. Bei uns ist das möglich.“

Und wie schaut es mit Nachteilen aus?

Angesprochen auf die Nachteile des Systems, gibt Frau Dr. Höch an: „Reich werden wir alle nicht. Dafür sind wir aber auch nach vielen Jahren noch hoch motiviert und nicht von Burn-out geplagt.“ Ein Nachteil ist auch, dass das Team nur selten Zeit hat, sich gemeinsam zu besprechen. Aber auch dafür hat Frau Dr. Höch eine Lösung gefunden: „Als wir uns 2007 haben GVP-zertifizieren lassen, habe ich auch beschlossen ein praxisinternes ‚Wikipedia‘ einzuführen. Eine Plattform, in der wir alles dokumentieren und ablegen: Formulare, wichtige Prozeduren, medizinische Infos. Dadurch hat jeder immer Zugriff auf die wichtigen Informationen. Anders geht es nicht.“

Es scheint also so, dass es doch möglich ist, als Tierärztin und Mutter weiterhin in der Praxis zu arbeiten. Was haltet Ihr von dem System? Wäre das etwas für Euch?

Autor: Dr. Christina Lauer

Social-Media-Managerin | Bloggerin | Webdesignerin & Tierärztin | Gründerin von Praxismarketing Lauer

4 Kommentare

  1. Hallo!

    Ich finde das System sehr ansprechend. Allerdings frage ich mich, was mit „nicht reich werden“ gemeint ist. Kann man so nur arbeiten wenn man einen Lebenspartner hat, der Vollzeit arbeitet oder könnte man auch als alleinerziehende Mutter davon leben (wenn man eingeschränkt lebt)?

    Viele Grüße

    • Hallo Anna-Lena,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe im Interview mit Frau Höch auch über Gehälter gesprochen. Und auch wenn sie die Zahlen in dem Beitrag nicht explizit genannt haben wollte, kann ich Euch sagen: Das ist wirklich fair.

      Ob man davon eine Familie ernähren könnte? In Vollzeit denke ich ja. Aber als Alleinerziehende mit einer Halbtagsstelle eine Familie ernähren zu wollen, ist – denke ich – nicht nur als Tierärztin eine Herausforderung. Außer vielleicht, wenn man beim Daimler als Ingenieurin arbeitet ;).

      Nochmal vielen Dank für Deine Anmerkungen.

  2. Moin!
    Beim Lesen ist mein erster Eindruck das eine Tierärztin mit Kind und guter Qualifikation für wenig Geld billig zu haben ist….. Ich hoffe das ist nicht das Praxiskonzept!
    Warum kann man TA nicht ganz normal in TZ beschäftigen?
    Meine Frau konnte nach der Geburt unserer Tochter ganz normal als Apothekerin in TZ arbeiten, ohne das die Themengebiete: Kind, Gehalt und zeitliche Verfügbarkeit thematisiert wurden.
    PS: Wenn in VZ 40 Stdn auch 40 Stdn und nicht 60 od 80 sind, dann sehe ich auch nicht so die Gefahr von Burn-out.

    Viele Grüße

    Ingo

    • Guten Morgen Ingo,

      magst Du etwas genauer erklären, warum dieser Eindruck bei Dir entstand?

      So wie es sich für mich darstellte, wollten die Tierärztinnen zunächst gar nicht gleich in Vollzeit arbeiten.
      Ich sehe da eher eine Win-Win-Situation (wie man das so schön „Neudeutsch“ sagt): Als Mutter direkt nach der Geburt den Anschluss zur Praxis nicht verlieren, als Chefin für ein paar Stunden Unterstützung haben. Wenn das Verhältnis von Arbeitzeit zu Entlohnung gerecht ist, finde ich das unproblematisch. Und sicher kann sich nicht jeder Praxisneugründer gleich einen festen Teilzeitangestellten leisten.

      Ich würde mich freuen, wenn wir darüber noch etwas konkreter „diskutieren“ könnten. Vielleicht habe ich ja einen Denkfehler.
      Viele Grüße
      Christina

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